Ich bin hochintelligent. Doch eigentlich ist es nicht allzu schwer, ein Gesicht in der Masse zu werden, wenn Menschen in ihren Reihen niemand anderen als sich selbst erwarten. Ich lebe eine Lüge. Ich war nie, was ich vorgegeben habe zu sein.
Es ist seltsam, wie allgegenwärtig zwischenmenschliche Nähe ist, nur um niemals Teil von ihr gewesen zu sein. Liebe ist ein abstrakter Begriff, den ich in eine praktische Erfahrung übersetzen will. Aber auf die eine oder andere Weise bleibe ich unsichtbar.
Habe ich mich als Kind an meine Umgebung angepasst, weil ich mir darüber im Klaren war, dass mein Zuhause nichts als eine Fassade ist? Wollte ich mich unter dem Radar bewegen, weil Beziehungen lebensnotwendig sind und ich in Wahrheit keinen Schutz in der Welt habe?
War es meine eigene Entscheidung, mich zu verstellen und ein Leben zu imitieren, das ich im Kern nie verstehen, geschweige denn erreichen konnte?
Oder wurde ich letztendlich nie als das gesehen, was ich wirklich war, weil es für die meisten Menschen undenkbar ist, so aufzuwachsen?
Kann es jemanden geben, der mich durchschauen kann? Der sofort merkt, dass etwas faul an mir ist? Der sich nicht von mir täuschen lässt, weil er mir intellektuell in nichts nachsteht? Der erkennt, wie zerrissen ich bin?
Wie ich seit meinem zehnten Lebensjahr keine tiefen Bindungen mehr eingegangen bin und mich strategisch maskiert habe. Nur um an der Leere zu ersticken, die es mit sich gebracht hat, mutterseelenallein in einer gefährlichen Umgebung zu überleben.
Heute bin ich sicherer als je zuvor. Und ich erkenne, wie ich langsam aus meinem sicheren Versteck hervorkomme. Ich bin perfekt getarnt in einer Normalität, die nie meine war.
Werde ich jemals auf jemanden treffen, der mit meinem wahren Schicksal umgehen kann? Wird das Kind in mir dann ein Zuhause finden? Und ich nach und nach sichtbar?
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