»Ich stellte mir vor, wie mich mein Vater früh tot im Bett liegen finden würde« (Lyovska 2018, Abs. 5)

Vorwort

Februar 2018

Diese Zeilen schreibt ein vierzehnjähriges Mädchen an einem Wintermorgen. Ich habe sie leicht gekürzt.

Liebes Tagebuch (13.02.2018)

Es war eigentlich wie immer. Gestern war ich sogar ziemlich gut gelaunt. Aus unerklärlichen Gründen habe ich mich geschminkt und 3DS-Videos gedreht. Ich habe gesungen und getanzt und dabei Spaß gehabt. Naja, S. war nicht so gut gelaunt. Die Ferien haben schon angefangen und sie hat vorgeschlagen, dass wir uns treffen. Das Problem war nur, wie sie herkommt, also haben wir uns darauf geeinigt, wann anders was zu machen.

Irgendwann nachts bin ich auf mein Zimmer gegangen, habe mir ein Nachthemd angezogen und wollte ins Bett gehen. Ich habe gemerkt, dass S. ein bisschen beleidigt ist, dass unser Treffen nicht klappt. Daraufhin haben wir diskutiert. Anhand von S.s Worten habe ich gemerkt, dass sie verwirrt ist. Ich dachte mir einfach: „Das Treffen klappt nicht. Was ist daran denn jetzt so schlimm?“ Wir haben weiter gechattet und ich hab S. wohl ziemlich enttäuscht. Sie sagte, sie wollte nicht mehr darüber reden, eine Nacht drüber schlafen. Ich Idiot habe natürlich nicht bemerkt, dass es längst nicht mehr um die Übernachtung ging, sondern um etwas viel Wichtigeres.

Schließlich schrieb sie mir eine Nachricht. Ich saß über zehn Minuten ungeduldig auf meinem Bett und starrte auf mein Handy. Um 01:00 Uhr nachts las ich die Nachricht mit pochendem Herzen. Ich war irgendwie unruhig und musste immer von neu anfangen zu lesen. Dann habe ich’s gelesen. 20 Minuten lang immer und immer wieder. Zuerst überlegte ich mir eine Antwort doch je mehr Zeit verstrich, desto weniger wusste ich was ich sagen sollte. All meine Gedanken würden niemals in eine Nachricht passen. Ich fing an Kopfweh zu bekommen und fing auf einmal das Zittern an. Mir war plötzlich so kalt. Ich hatte eine Gänsehaut, durchgehend. 01:43 Uhr. Ich nahm mein Handy, der Chat war immer noch offen, mit und zog meine Winterjacke an. Ich hab mich aus dem Haus geschlichen, saß auf den kalten Fliesen und hörte nicht auf zu zittern, aber nicht nur wegen der Kälte…

Kurz darauf ging ich wieder rein und setzte mich auf den Boden, mit den Knien im Arm. Die Gänsehaut und das Zittern waren immer noch da. Nach einer Weile bin ich wieder in mein Zimmer gegangen und habe ganz laut und schwer ein- und ausgeatmet. Das ging eine gefühlte Ewigkeit so. Ich hatte Angst und fing an mir vorzustellen, mein Herz würde stehen bleiben. Ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt sterben würde und sah mein Leben an mir vorbeiziehen.

Ich stellte mir vor, wie mich mein Vater früh tot im Bett liegen finden würde. Ich atmete immer noch tief ein und wieder aus und hatte Bäri fest im Arm. Mir war so verdammt kalt und ich zitterte. Es war ungefähr 02:00 Uhr nachts. Ich nahm Bäri und habe mich auf den Boden gelegt. Ich habe irgendwelche kranken Geräusche gehört. Habe gedacht, mein Leben könnte jeden Moment vorbei sein. Ich habe angefangen zu weinen und lag fast 40 Minuten auf dem Boden im Dunkeln. Ich hatte mich beruhigt und wieder ins Bett gelegt. Und dann bin ich eingeschlafen.

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