Es hat angefangen zu gewittern, als ich unter der Dusche stand. Das tiefe Geräusch vom tobenden Wind strömte durch meine Einzimmerwohnung, als ich eilig meinen nackten Körper abtrocknete.
Ich griff nach einem Handtuch und bedeckte mich damit, als ich zum offenen Balkon lief und die Türe schloss.
Es war schon kurz vor zwei am Nachmittag. Der vorletzte Zug würde bald nach Wien abfahren und ich musste mich beeilen. Aber etwas an dem plötzlichen Regen, dem niederbrechenden Gewitter zog mich zurück an einen Tag vor etwa einem Jahr. An das Gefühl mittendrin zu sein. In einem regnerischen Sog. Im Chaos. Und es ließ sich schwer in Worte fassen, wie ruhig ich mich dabei gefühlt habe.
Ich hielt mich nie für einen melancholischen Menschen. Weniger identifizierte ich mich mit problematischen Figuren. Aber ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Ohne dass ich wusste, was als Nächstes folgt.
Auf den ersten Blick wirkte ich langweilig gewöhnlich. Und doch gab es eine Art der Traurigkeit, eine verborgene, die mich heimlich faszinierte. Ich habe ein unausgesprochenes Geheimnis, dessen Last ich gleichzeitig ablegen und bewahren will. Vielleicht stecke ich voller Widersprüche. Und werde aus mir selbst nicht schlau.
Es ist kurz nach zwei. Alle Taschen sind gepackt. Ich bin bereit. Und doch bewege ich mich nicht von Ort und Stelle. Mein Blick schweift durch die Wohnung, dann zum Fenster und wieder zurück. Schon wieder kreisen meine Gedanken um die Frage. Habe ich nichts vergessen? Dann fällt mein Blick nur auf den Regen, der auf den Balkon tropft. Und es beginnt von Neuem.
Alles fühlt sich unecht an. Ein Teil in mir will die Kiste im Regal öffnen, einmal noch durch die Briefe gehen, die schon weit über zehn Jahre alt sind. Das eine Foto sehen. So als würde ich nicht mehr zurückkehren, sobald ich in den Zug gestiegen bin. Aber das ist Unsinn. Alles fühlt sich so unecht an.
…
Mein Magen knurrt. Ich habe Gänsehaut. Und bin pitschnass. Während dem Weg ist das Rad meines Koffers abgerissen. Seine Achse schrammte laut über den Asphalt und zog den einen oder anderen Blick auf mich.
Ich hatte keine Zeit, um anzuhalten. Um herauszufinden, ob der Koffer noch zu retten war. Oder um auf die Uhr zu sehen. Ich habe nur gehofft, dass ich es noch rechtzeitig schaffe.
Der Regen schüttete auf meinen Arm. Einer der beiden Riemen meiner Tasche ist abgefallen. Ich hievte mich und meinen kaputten Koffer jeden Meter bis zum Bahnhof. Es ist der Koffer meiner Mutter. Und ein Teil in mir will glauben, dass die Unperfektion dieser Situation auf eine Weise den Moment vervollständigt.
Denn was ich imstande bin zu tun, war nie für mich bestimmt. Es war nie, was mir vorgelebt wurde. Und kaum ein anderer Weg hätte mehr von mir gefordert als dieser. Und doch bin ich hier. Sitze schweißüberströmt im richtigen Zug. Schaue aus dem Fenster und schreibe diese Zeilen. Fast als wäre es egal, was dieser Weg von mir abverlangt hat. Und woher ich einmal kam.
Mir ist kalt. Und merkwürdigerweise will ich glauben, dass es einen tieferen Sinn hinter Wassertropfen gibt, die im falschen Moment am richtigen Ort entlangrinnen. Oder Worten, die nicht verraten, was sie eigentlich meinen.
Es ist der Regen, der mich Jahr für Jahr unscheinbar begleitet. Ich lasse ihn im Stillen auf mich wirken. Aber verliere mich nicht in ihm. Denn er verändert nicht wohin ich gehe.
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